Rudolf Rocker Papers

EINLEITUNG

" Rudolf Rocker muß betrachtet werden als der Theoretiker des Anarchosyndikalismus", schrieb Augustin Souchy in seiner Einleitung zur Autobiographie von Rudolf Rocker : Rudolf Rocker. Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten. Johann Rudolf Rocker wurde am 25. März 1873 in Mainz, Deutschland, geboren als zweiter Sohn von Georg Philipp Rocker , Musikdrucker, gebürtig aus einer Bauernfamilie in Wörrstadt, und Anna Margaretha (geb. Naumann) , die aus einer Mainzer Bürgerfamilie stammte. Beide Eltern starben früh, so daß Rudolf dreizehnjährig in ein katholisches Waisenhaus kam.
Nach Schulabschluß trat er bei einem Buchbinder in die Lehre und übte diesen Beruf bis zu seinem 25. Lebensjahr aus. Als junger Buchbindergeselle bereiste er mehrere europäische Länder und beteiligte sich überall aktiv an der freiheitlichen Bewegung. Eine angeborene Rednergabe und die Fähigkeit, seine Gedanken schriftlich auszudrücken, gaben ihm reichlich Gelegenheit dazu. So konnte er sich schließlich ganz seiner politischen und literarischen Arbeit widmen.
Rockers Onkel Rudolf Naumann hatte einen starken Einfluß auf die geistige Entwicklung des jungen Rudolf. Durch ihn wurde er in die sozialistische Bewegung eingeführt, die in Deutschland vollständig unter dem geistigen Einfluss von Karl Marx und Ferdinand Lassalle stand. Er wurde Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und gehörte zur sozialdemokratischen Opposition der "Jungen". Zu jener Zeit existierten noch die Ausnahmegesetze gegen die Sozialisten, die Bismarck erlassen hatte. Auch nach Aufhebung des Sozialistengesetzes aber blieben die politischen Freiheiten durch strenge Polizeivorschriften eingeengt. Schon 1891 verließ Rocker die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) , weil nach seiner Auffassung ihr Dogmatismus und ihre Intoleranz jeder unabhängigen Meinung gegenüber sich nicht mit seinem Gerechtigkeitsempfinden vertrugen.
Um der Verhaftung wegen einer Rede auf einer Arbeitslosenversammlung in Mainz zu entgehen, flüchtete er Ende 1892 nach Frankreich. In Paris verkehrte er in sozialistischen Kreisen und hatte Kontakt mit Elisée Reclus , der sich, gleich anderen Intellektuellen jener Zeit, zum Anarchismus bekannte. So fing die erste Periode seines politischen Exils an, die mehr als zwanzig Jahre dauern sollte.
Als ihm in der Periode der "Propaganda durch die Tat" der Boden in Frankreich zu heiß wurde, emigrierte Rocker 1895 nach England. Dort wurde er in London mit der freiheitlichen Bewegung der Ostjuden bekannt. Obwohl selbst kein Jude, erlernte er ihre Sprache und war von 1898 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges Redakteur der Wochenzeitung The Workers Friend ( Der Arbeterfraynd ) und ab 1899 der theoretischen Monatsschrift Germinal . Er wurde Mitglied der Gemeinde Ostjüdischer Anarchisten und hielt Vorträge über soziale und literarische Themen. Während seines Londoner Aufenthalts zählte Rocker zu den Freunden Peter Kropotkins .
In einem kleinen Kreise jüdischer Genossen lernte er seine spätere Lebensgefährtin Milly Witkop (geb. am 1. März 1877 in Slotopol, Ukraine) kennen, die damals zur Gruppe Arbeiterfreund gehörte, Zeitungen und Broschüren verbreitete und Gelder für die Bewegung sammelte. 1907 wurde ihr Sohn Fermin geboren. Aus einer früheren Beziehung hatte Rudolf Rocker einen Sohn, Rudolf (geboren in Paris am 30. August 1893), der später bei Rudolf Rocker und Milly Witkop-Rocker aufwuchs.
Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde Rocker als "feindlicher Ausländer" in London verhaftet, er verbrachte über vier Jahre in einem Lager (siehe dazu sein Buch Hinter Stacheldraht und Gitter). Verwandte, Freunde und sympathisierende britische Parlamentarier versuchten vergeblich, ihn freizubekommen. Als er zehn Monate vor Beendigung des Krieges aus England ausgewiesen wurde, gewährte ihm Holland Asylrecht. Er wohnte einige Zeit bei Ferdinand Domela Nieuwenhuis in Hilversum und später in Amsterdam.
Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs konnte er in sein Geburtsland zurückkehren, er ließ sich November 1918 in Berlin nieder, wurde Mitglied der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften und war 1919 einer der Gründer der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) und 1922-1923 der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) . Er schrieb viele Artikel für Der Syndikalist , das Organ der FAUD .
Der Syndikalist Verlag veröffentlichte 1924 Rockers Biographie von Johann Most , Das Leben eines Rebellen, und auch den oben erwähnten Bericht seiner Erfahrungen im britischen Lager, der auf aus dem Lager geschmuggelte Tagebücher beruhte.
Bis 1933 arbeitete Rocker in Deutschland. Eine gelungene Flucht im letzten Augenblick rettete ihn vor der Justiz des Dritten Reiches. März 1933 erreichten Rudolf und Milly Rocker die Schweiz. Rockers wertvolle Bibliothek, die aus ungefähr 5000 Büchern bestand, und der größte Teil seiner Korrespondenz wurden von den Nazis verbrannt. Als Emma Goldman von der Flucht hörte, lud sie die Rockers zu ihr nach St. Tropez ein, wo sie in Ruhe ihre Zukunftspläne machen konnten.
Von dort reisten sie nach Paris und dann nach London. Während seines Aufenthalts in St. Tropez wurde Rocker zu einer Vortragstour in den Vereinigten Staaten und Kanada eingeladen. September 1933 trafen die Rockers in den Vereinigten Staaten ein, wo sie bis zum Ende ihres Lebens wohnen sollten. Nachdem sie einige Zeit bei Verwandten von Milly verbracht hatten, fing Rocker seine sechsmonatige Vortragstour an, die 1934 von einer zweiten gefolgt wurde. Rockers Reisen durch die Vereinigte Staaten ermöglichten ihm sich aus erster Hand über die Lage der amerikanischen libertären Bewegung zu informieren. In den Vereinigten Staaten publizierte Rocker eine große Anzahl von Artikeln und Büchern, darunter sein wichtiges Werk Nationalismus und Kultur, das 1937 in New York erschien. Seine Schriften wurden in mehrere Sprachen übersetzt.
September 1937 zogen die Rockers von New York nach Mohigan Colony, fünfzig Meilen von New York um. Während seiner letzten Jahren waren Rockers wichtigste Tätigkeiten das Schreiben von Artikeln für anarchistische Zeitungen und das Unterhalten einer weltweiten Korrespondenz mit Gesinnungsgenossen. Außerdem beaufsichtigte er die Veröffentlichung seiner Memoiren, zuerst in Spanisch, dann in Jiddisch und (gekürzt) in Englisch. Am 23. November 1955 starb Milly, seine Lebensgefährtin von mehr als ein halbes Jahrhundert. Nach ihrem Tode verbrachte Rocker mehr und mehr Zeit mit seinem Sohn Fermin und dessen Familie in New York. Drei Jahre später, am 10. September 1958, starb Rocker im Alter von 85 Jahren in Crompond, New York. 1960 erhielt das IISG den ersten Teil des Rocker -Nachlasses von seinem Sohn Fermin Rocker . Dieser Teil umfaßte viele Briefe von und an Rocker , unter anderem seine Korrespondenz mit Max Nettlau , Emma Goldman und Alexander Schapiro und die Manuskripte seiner Bücher. Mehrere Ergänzungen folgten ab 1961, die letzte 1993.
Das Archiv wurde in die Rubriken "Privatleben", "Öffentliches Leben" und "Dokumentation" eingeteilt. In der Rubrik "Privatleben" befinden sich persönliche Dokumente und persönliche Korrespondenz, unter anderen der Briefwechsel zwischen Milly und Rudolf Rocker , geschrieben während seiner Internierung in England im Ersten Weltkrieg 1914-1918. Die Rubrik "Öffentliches Leben" enthält eine Serie alphabetisch geordneter Korrespondenz von Milly und Rudolf Rocker , darunter Briefwechsel mit Diego Abad de Santillán , Angelica Balabanoff, Alexander Berkman , Max Nettlau und Augustin Souchy , außerdem Korrespondenz von Dritten, Manuskripte seiner Bücher und Artikel (unter anderen die Manuskripte seiner Memoiren, von Nationalism and Culture/Nationalismus und Kultur und Anarcho-Syndicalism), Manuskripte von Dritten, Dokumente zu politischen Themen, zur Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA), zur Confederación Nacional del Trabajo (CNT) und zur Federación Anarquista Ibérica (FAI) , weiter Dokumente zu anderen Themen. Die Rubrik "Dokumentation" enthält hauptsächlich Flugblätter, Broschüren und Zirkulare.
Die Ergänzung von 1993 enthielt Dokumente und Korrespondenz von Debie Jimak , Charles Lahr und einigen anderen Personen. Im Register des Inventars wurden neben den Namen von Personen und Organisationen auch die Namen von Korrespondenten in den alphabetischen Serien erfaßt. Photos wurden in die audiovisuelle Abteilung des IISG überbracht.
Die Bearbeitung des Archivs wurde zum größten Teil von Elly Koen vorgenommen und von Tiny de Boer beendet.
Das Archiv hat einen Umfang von 4.2 m.

Literatur

Rudolf Rocker. Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten. Edition Suhrkamp, Suhrkamp Verlag. Erste Auflage 1974. (IISG Call nr.90/227).
Mina Graur , Ph.D., Rice University, 1989. An "Anarchist Rabbi": The Life and Teachings of Rudolf Rocker. Dissertation. UMI Dissertation Services, Ann Arbor, Michigan. Printed in 1996. (IISG Call nr. 1996/1687)
Peter Wienand . Der "geborene" Rebell. Rudolf Rocker Leben und Werk. Karin Kramer Verlag, Berlin. 1981. (IISG Call nr. 280/200).